Kapstadt, Südafrika
Als im Oktober die ersten Blätter fielen und sich der nasskalte Winter ankündigte ging meine Reise nach Kapstadt in den Sommer los. Als erste Anlaufstelle hatte ich Glück, denn meine Schwester lebt und arbeitet dort. So konnte ich die ersten Wochen bei ihr wohnen.
Mit meinem Portfolio unterm Arm ging's dann direkt los auf Praktikumssuche. Das war anfänglich schwieriger als erwartet, da die meisten Agenturen eher südafrikanische Praktikanten bevorzugen. Doch alle waren total hilfsbereit, mir bei der Suche zu helfen und so hatte ich schon nach einer Woche mehrere Angebote.
Letztendlich entschied ich mich, ein Praktikum bei einem Fotografen zu machen, da man dadurch jede Menge unterschiedlicher Agenturen kennenlernt und die vielseitigsten Einblicke erhält. Außerdem kommt man dabei viel rum und hat dadurch die Möglichkeit, etwas vom Land zu sehen und nicht den ganzen Tag im Büro zu sitzen. So kam es dann auch. Ich hatte die Möglichkeit, viele kreative Menschen kennen zu lernen und bei den unterschiedlichsten Shootings dabei zu sein. Von Produktfotografie über Portrait- und Werbeaufnahmen bis hin zum Musikvideo-Dreh am Strand war alles dabei. Alle haben mich sehr herzlich aufgenommen und einbezogen, wobei ich unendlich viel lernen und selbst ausprobieren konnte.
Nach drei Monaten wollte ich allerdings gerne mehr sehen. So beschloss ich, eigene Aufträge anzunehmen, um meine Zeit freier einteilen zu können und auch noch mehr reisen zu können. In dieser Zeit habe ich einige Charity-Organisationen mit Flyern, Plakaten usw. unterstützt und bekam somit die einzigartige Möglichkeit, mir die Arbeit der Organisationen vor Ort direkt anzusehen und auch die Schwierigkeiten Südafrikas richtig kennen zu lernen. Bei einem Fotoauftrag für die TRC-Conference hatte ich die Möglichkeit, Erzbischof Desmond Tutu (Friedensnobelpreisträger) kennen zu lernen.
Zwischenzeitlich war ich in eine WG mit einem Südafrikaner zusammengezogen und konnte mir dabei vieles von der optimistischen und entspannten Lebenweise der Südafrikaner abgucken.
Die ganzen 6 Monate vergingen wie im Flug. Es war eine kunterbunte, lebhafte und spannende Zeit. Jeder Tag begann mit Sonnenschein und voller Aufregung. Die Vielseitigkeit dieses Landes ist in Worten gar nicht zu beschreiben und Kreativität sprudelt aus jedem Augeblick. Gerade die Dualität und die daraus resultierende Spannung im Land hat mich sehr bewegt und als angehende Gestalterin inspiriert. Die nebeneinander her lebenden Welten treffen hier erbarmungslos aufeinander: faszinierend helles Licht neben einnehmender Dunkelheit, die Ärmsten der Armen neben den Reichsten der Welt, Weltoffenheit und Prestige-Gedanken neben unüberwindbar großer Probleme im Land selbst, Angst und Korruption neben Freundlichkeit und uneingeschränkter Sympathie. Südafrika mit allen Sinnen kennen zu lernen war eine wunderbare Bereicherung und wird mir immer in Erinnerung bleiben.
Darüber hinaus hat mir das Semester im Ausland den nötigen Abstand zum alteingesessenen, routinierten Alltag gegeben und mir dabei geholfen, vieles was hier selbstverständlich erscheint, wieder schätzen zu können.
Andrea Grips



ecosign - News